Praktikant Daniel Hoffmann

von Daniel Hofmann

Es ist mittlerweile seit einigen Jahren Usus, dass sich jedes Semester Studenten auf die Suche nach einem Praktikumsplatz begeben. Viele dieser Studenten gehen dabei sehr pragmatisch vor und machen das Praktikum einfach an einer Schule ganz in ihrer Nähe. Es gibt aber auch ein paar Spinner, die sich vier Wochen lang jeden Montag in den Zug von Leipzig nach Oschatz und anschließend aufs Rad Richtung Schweta setzten, nur um dort ein Praktikum zu machen. Klingt unglaublich, ist aber so. Da diese Spinner natürlich auch keine Bleibe in der Nähe haben, gehen sie dann noch zu allem Überfluss beim zuständigen Pfarrer hausieren, verschmutzen seine Bettwäsche und fressen ihm die letzten Haare vom Kopf. Vorsicht, Fleischzusatz, würde er an dieser Stelle sagen…

Warum, fragt man sich an dieser Stelle, kommt so eine Situation zustande? Haben die in Schweta und Umgebung nicht genügend Lehramtsstudenten? Wahrscheinlich war der kleine Satz eines Freundes entscheidend, der behauptete „er habe die Lust am Lehrer sein während des Praktikums an der Apfelbaumschule in Schweta wiederentdeckt“. Ich habe meinem Freund vertraut und die Reise aufs Land angetreten, die mir bis heute in freudiger Erinnerung geblieben ist.
Jeden Morgen auf dem Weg zur Schule feierten mich winkende und hupende Kinder auf meinem Fahrrad wie Jan Ullrich, so dass auch die letzte Müdigkeit aus meinen Knochen schwand. Dort angekommen, musste ich schon die ersten neugierigen Fragen beantworten: „Wie schnell kann dein Fahrrad fahren?“, „Wie funktioniert deine Schaltung?“, usw. Von Schüchternheit also keine Spur. So sind sie, die Kinder der Apfelbaumschule, begeisterungsfähig, neugierig und freundlich. Ich fühlte mich sofort in die Gemeinschaft der Schule aufgenommen.

Ich wusste zwar von der christlichen Konzeption der Apfelbaumschule, war aber skeptisch wie sich das im Schulalltag niederschlagen sollte. Die erste gemeinsame Morgenandacht und der gemeinsame Frühstücksrap „Alle guten Gaben“ brachten sofort Licht ins Dunkel und trugen dazu bei, dass ich meine anfänglichen Zweifel als Nichtchrist in einer evangelischen Schule ablegen konnte. Die Freiwilligkeit der Religionsausübung war immer oberstes Prinzip im Umgang mit den Kindern, jedoch wurde nicht auf die Vermittlung (christlicher) Normen und Werten verzichtet.
Besonders aber war ich von der Art des Unterrichtens angetan. Es wurde nicht in Fenster-, Mittel- und Türreihe unterschieden, sondern die Kinder saßen an sich gegenüberstehenden Doppeltischen, damit sie miteinander und nicht nebeneinander lernen können. Am Anfang des Unterrichts stand immer der übliche Morgenkreis, der mal mehr und mal weniger demokratisch von den Lehrern interpretiert wurde. Mein „Mentor“, Herr Leiste, zum Beispiel ließ den Redestab so lange kreisen, bis auch das kleinste Problem gelöst und die spannendste Geschichte erzählt war. Hauptsächlich fand der nachfolgende Unterricht als eine Art Wochenplanarbeit statt. Der Wochenplan wurde von den Schülern und nicht vom Lehrer erstellt. Das war zwar nicht immer völlig unproblematisch, aber aus dem Prozess, sich bereits vorab mit dem zu Lernenden auseinanderzusetzen, nehmen die Kinder meines Erachtens schon viel mit. Besonderen Spaß hatte ich daran, die Kinder zu beobachten, wie sie sich mit ihren wöchentlichen Forschungsaufgaben auseinandersetzten. Zum Beispiel standen bei Wotan Autos als Forschungsschwerpunkt hoch im Kurs, was bei einer Autonation wie Deutschland nicht weiter verwunderlich ist. Dummerweise war es der „Lamborghini Diablo“, also ein italienisches Sportgeschoss, das seine kleinen, wachen Kinderaugen zum Leuchten brachte. Im Unterricht fand also immer eine Verknüpfung zwischen dem Anspruch, den Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen und ihren kindlichen Interessen statt. Ein wichtiges Element ist dabei die Umsetzung des Prinzips „Lesen durch Schreiben“. So wurden z.B. Geschichten über Dinos, Traktoren und Katzen geschrieben, die meiner kindlichen Feder niemals hätten entspringen können, da ich erst die richtige Schreibweise von Mimi, Mama und Papa lernen musste, bevor ich eigene Geschichten schreiben durfte.

Es sind die vielen verschiedenen reformpädagogischen Einflüsse die mein Praktikum so abwechslungsreich und interessant gemacht haben. So standen Freinet, Montessori oder Peschel nicht in Konkurrenz zueinander, sondern die LehrerInnen konnten persönliche Schwerpunkte setzen oder verschiedene Elemente kombinieren. Verbunden mit der familiären Atmosphäre, waren die vier Wochen an der „Apfelbaumschule“ eine Erfahrung, die mich in meinen Wunsch Lehrer zu werden, weiter bestärkt hat.

Liebe Eltern, bereichert diese Schule mit euren Kindern, sie sind in guten Händen!

 

Daniel Hoffmann, Praktikant September 2005